Klassische Lebensmodelle waren nie wirklich etwas. Wir haben zwar beide Jobs, die uns (meist) Spaß machen, aber trotzdem erschien uns Nine-to-Five (oder mehr) und Karriereleiter nie erstrebenswert. Als ich bei meiner Beschäftigung mit dem Thema Minimalismus zum ersten Mal von der amerikanischen FIRE (financial Independent, retire early) Bewegung hörte, war das für mich der Anstoß, mich auch mit dem Thema Finanzen und Finanzielle Freiheit zu beschäftigen.
Finanziell frei zu sein und arbeiten zu können, statt zu müssen, klang für mich absolut fantastisch. Einige Jahre lebte die Idee in mir ohne wirklich in greifbare Nähe zu rücken. Das Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands und die regelmäßigen Ausgaben (Auto, Miete, Lebensmittel etc.) fraßen viel unseres Einkommens wieder auf. Dazu gönnten wir uns regelmäßig Extras, die wir meinten zu brauchen (neue Möbel, Elektronik, Klamotten).
Mit der Idee des Bootslebens kam ein Umdenken. Wofür das Ganze? 40 Stunden Arbeiten nur für (noch mehr) Konsum? Brauchen wir das eigentlich? Als sich unsere Ausgaben drastisch reduzierten, war die Idee plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch. Unser jetziger Alltag ermöglicht es uns, unsere Arbeitszeit zurückzufahren und trotzdem noch Geld sparen zu können, um finanzielle Rücklagen aufzubauen.
Was bedeutet FIRE überhaupt?
Financial Independence, Retire Early (FIRE) ist eine Bewegung mit den Wurzeln im amerikanischen Raum. Angestrebt wird eine hohe Sparquote vom Einkommen und renditestarke Investments, um möglichst schnell ein hohes Vermögen aufzubauen, von dem man dann leben kann, ohne weiter Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen.
Diese hohe Sparquote ist entweder erreichbar durch ein sehr hohes Einkommen und/oder geringe Ausgaben. Daher ist das Thema verknüpft mir dem »Frugal Living« also einem bescheidenen Leben ohne viel Konsum, für das sich im Deutschen das Wort Frugalismus etabliert hat. Dabei ist das Ganze nicht ein Lebensstandard mit Verzicht, sondern eher eine kritische Grundeinstellung gegenüber unnötigem Konsum. Denn gefühlt fehlt – zumindest uns – nichts. Mit Frugalismus rückt dann das notwendige Vermögen für die finanzielle Freiheit auch weg vom Sechser im Lotto in eine Reichweite, die durchaus machbar ist.

Warum Boatlife FIRE realistischer macht
Unsere Lebenshaltungskosten an Bord sind gering, ohne dass wir das Gefühl haben, am Existenzminimum zu leben. Geldfresser wie ein Auto, Konsumkredite oder eine große Wohnung bzw. ein Haus sind eliminiert. Das Unterwegssein und das Leben nah an der Natur wirkt zudem wie eine Konsumbremse, denn selbst wenn wir wöllten, könnten wir nicht so viel kaufen, da Amazon nun mal nicht in die Ankerbucht liefert.
Unsere Zahlen und Learnings
Unsere größten Beträge auf Ausgabenseite sind Miete, Marinakosten und Lebensmittel. Und natürlich die Instandhaltung und Ausbau unseres Zuhauses auf dem Wasser. Da wir Upgrades immer sukzessive angehen, wenn wir einen tatsächlichen Bedarf sehen, hat sich das Budget bisher im Rahmen gehalten. Die Investition in ein solides (dafür aber kleineres) Boot hat sich bisher ausgezahlt. Denn glücklicherweise mussten wir bisher keinen zeit- und geldintensiven Refit machen.

➡️ In unserem Artikel geben wir einen Einblick in die laufenden Kosten.
Ein grober Richtwert, wieviel Vermögen man für die »ewige Rente« braucht ist die 4%-Regel. Übersteigt der Kapitalbedarf pro Jahr nicht 4 % des Vermögens, reicht dieses aus ohne aufgezehrt zu werden (vorausgesetzt natürlich mit durchschnittlich guter Rendite angelegt, nicht auf dem Sparbuch). Anders gesagt: Geldbedarf pro Jahr mal 25. Benötigt man also im Monat 2.000 €, braucht es ein Vermögen von 600.000 €.
Einkommen & Arbeiten unterwegs
Unser Haupteinkommen sind unsere Remotejobs. Tommy ist Softwareentwickler – teils selbstständig, teils angestellt. Er arbeitet ab und zu mal an Kundenprojekten und ansonsten täglich bei seinem Arbeitgeber. Ich arbeite seit 2022 weiterhin in meinem Beruf als Produktmanagerin.
➡️ Wie wir arbeiten.
Unser Fazit – Freiheit nach eigenen Regeln
Wir sehen FIRE als Werkzeug, nicht Dogma. Und eigentlich wollen wir auch nicht in komplett Rente gehen. Wir lieben, was wir tun. Sollte das aber irgendwann nicht mehr zusammenpassen, gibt uns der Gedanke der finanziellen Unabhängigkeit die Sicherheit, weiter das machen zu können, was wir am meisten lieben: segeln und reisen. Und wenn vielleicht nicht für immer, dann wenigstens für sehr lange.

Denn natürlich schwanken Geldanlagen und Märkte garantieren keine zu 100 % verlässlichen Renditen. Und die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Dann muss man die roten Zahlen im Depot aushalten können. Wer mit diesem Quäntchen Unsicherheit nicht leben kann, für den ist FIRE vermutlich nichts.
Und auch das Bootsleben ist nichts für Menschen, denen eine gewisse Sicherheit und Stabilität im Leben wichtig ist. Für uns passt beides gut zusammen. Im Gegenteil: Nicht viel Geld zu benötigen und das ggf. auch zu haben, gibt uns den nötigen Seelenfrieden. In unserem jetzigen Lebensentwurf spielt Geld eine wichtige, aber keine übermäßig große Rolle. Das würde mit einer dicken Hypothek auf ein Haus vielleicht anders aussehen.

